Kleinhirninfarkt
Etwa 1-10 % aller
Hirninfarkte betreffen das Kleinhirn. Demnach erleiden zwischen 3.000 und
30.000 Patienten pro Jahr einen
Große
Studien haben gezeigt, dass 35 % der kleinen Hirninfarkte kardioembolisch
(Embolie aus dem Herzen) bedingt sind. Weitere 32 % der
Kleinhirninfarkt
e entstehen auf dem
Boden einer Arteriosklerose (Arterienverkalkung) der hirnzuführenden und
hirneigenen Gefäße. 6 % der Fälle entstehen auf mikroangiopathischem
Hintergrund, die Auswirkungen sind umschrieben, können aber je nach Lage der
Läsion zu sehr hartnäckigen Symptomen führen. In 7 % liegt ein Dissekat der
Arteria vertebralis vor. Diese Erkrankung kann spontan auftreten, ist manchmal
aber auch durch Unfälle bedingt. Darüber hinaus sind als seltene Ursachen
des
Kleinhirninfarkt
es entzündliche Gefäßerkrankungen,
Gefäßmissbildungen etc. möglich.
Die
Blutversorgung des Kleinhirns speist sich aus zwei etwa stricknadeldicken
Vertebralarterien, die durch mehrere Wirbelkörperfortsätze hindurch ziehen,
um schließlich an der Vorderseite des verlängerten Rückenmarks (Medulla
oblongata) und vereint als Arteria basilaris im Bereich des Pons (Brücke)
lebenswichtige Nervenzentren versorgen. Insgesamt wird das Kleinhirn durch 3
jeweils beidseits angelegte Arterien versorgt: Aus der jeweiligen
Vertebralarterie entspringt die Arteria cerebrelli inferior posterior (PICA),
die die unteren Abschnitte des Kleinhirns mit Blut versorgt. Bereits aus der
Arteria basilaris gehen die Arteria cerebelli inferior anterior (AICA) und die
Arteria cerebelli superior (SCA) hervor, die die mittleren und oberen
Kleinhirnanteile Versorgen.
Falls
durch Arteriosklerose der Kleinhirngefäße schließlich Thromben das Gefäß
verschließen oder aus dem Herzen ein Blutgerinnsel kleine Arterien verstopft,
entsteht je nach Ort der Gefäßschädigung und der Zeitdauer des Entstehens
in dem davon abhängigen Gefäßgebiet ein Kleinhirninfarkt. Umschriebene
Kleinhirninfarkte können isoliert mit Schwindelgefühlen und Gangunsicherheit
einhergehen, die sich teilweise auch rasch erholen können. Ausgedehnte
Kleinhirninfarkt
e
Kleinhirninfarkt: Symptome
Bei
Kleinhirninfarkt sind besonders häufig Schwindel, Gangunsicherheit,
anfangs auch Übelkeit, Kopfschmerzen und Nackenschmerzen anzutreffen.
Nicht selten treten eine halbseitige Schwäche, eine verwaschene Sprache (Dysarthrie)
in Folge verminderter Zungenbeweglichkeit und auch Schluckstörungen
(Dysphagie) hinzu. Besondere Aufmerksamkeit verlangen Bewusstseinsstörungen,
die immer die Beteiligung des Hirnstammes mit anzeigen. Wenn Atemstörungen
und Streck- und Beugestellungen der Arme und Beine hinzutreten, gilt die
Prognose als ausgesprochen ungünstig.
Bei
der klinischen Untersuchung findet sich eine ipsilaterale Hemiataxie
(seitengleich zum Kleinhirninfarkt gelegene Ataxie, Gleichgewichtsstörungen,
Gangunsicherheit),
die als Rumpfataxie, Standataxie oder auch Gangataxie auftreten kann). Die
Patienten zeigen eine zu der Seite des
Kleinhirninfarkt
es Kleinhirninfarkt: Akutversorgung
Bei den
beschriebenen Krankheitszeichen ist umgehend eine Krankenhauseinweisung
erforderlich, die den Patienten möglichst auf eine stroke unit
(Spezialbehandlungseinheit für Schlaganfallerkrankte) führen sollte. Die
bei Kleinhirninfarkt
zunächst immer durchgeführte Computertomographie (CCT) kann
speziell beim Kleinhirninfarkt innerhalb der ersten 24 Stunden ohne
eindeutige Aussage bleiben. Deshalb wird bei Verdacht auf Kleinhirninfarkt die
Kernspintomographie (MRT = Magnetresonanztomographie) vorgezogen, die auch
eine Mitbeteiligung des Hirnstammes darstellen kann. Zur Ursachenabklärung
sind in der Gefäßdiagnostik die Dopplersonographie und Duplexsonographie
durchzuführen. Angesichts des erwartungsgemäß hohen Anteils von
kardioembolisch bedingten
Kleinhirninfarkt
en
In
der Akutphase bei einem Kleinhirninfarkt muss vor allem der Blutdruck überwacht, die Körpertemperatur
beobachtet und bei Infekten gesenkt werden. Ein möglichst normaler
Blutzucker ist entscheidend für das spätere Behandlungsergebnis. Bei
drohender oder bestehender Immobilität ist eine Thromboseprophylaxe nötig.
Bei Gefahr einer Schluckstörung darf keine normale Ernährung
stattfinden. Hier muss die Ernährung zumindest vorübergehend über eine
Magensonde erfolgen. Bei Bewusstseinsstörungen sind Maßnahmen gegen den
Hirndruck (Lagerung, medikamentöse Therapie) erforderlich. Bei Störungen
der Atmung muss eine maschinelle Beatmung erfolgen. In allen Fällen einer
Hirnstammkompression durch einen raumfordernden Kleinhirninfarkt muss ein
neurochirurgisches Vorgehen überlegt werden (subokzipitale Kraniotomie
als Dekompressionsbehandlung bzw. Ventrikeldrainage). Die häufigste
Komplikation in der Akutphase stellt die Pneumonie dar. Kleinhirninfarkt: FrührehabilitationAngesichts der sehr begrenzten Verweildauer in der Akutklinik wird sich immer nach einem Kleinhirninfarkt eine Behandlung in einer Fachklinik für neurologische Frührehabilitation anschließen. Etwaige Zustandsverschlechterungen sind immer Anlass für erneute bildgebende Untersuchungen wie Computertomographie oder insbesondere Kernspintomographie (MRT). Bei bestimmten Gefäßprozessen wie Dissekaten sind auch dopplersonographische bzw. duplexsonographische Verlaufskontrollen erforderlich. Bei Auftreten einer Schluckstörung (Dysphagie) sind immer spezialisierte Untersuchungen wie Faice oder Videofluoroskopie durchzuführen, um drohende Aspirationspneumonien zu vermeiden. Kleinhirninfarkt: Therapeutische Maßnahmen
Seitens
der Pflege ist wegen der Gefahr einer Schluckstörung besonders auf eine
sichere Ernährung zu achten. Husten, Räuspern bei Nahrungsaufnahme,
unklares Fieber oder Hinfälligkeit sind immer auf das Auftreten einer
Aspirationspneumonie verdächtig. Zu Beginn können Patienten mit
Kleinhirninfarkt wegen ausgeprägten Schwindels, Übelkeit und einer häufig
bestehenden Hypotonie der Muskulatur nur begrenzt mobilisiert werden, die
Sturzgefahr ist vor allem zu Beginn sehr hoch.
Die
bestehende Hypotonie der Rumpfmuskulatur und Extremitätenmuskulatur
verlangt langwieriges Arbeiten von Physiotherapeuten in
unterschiedlichsten Ausgangpositionen. Bei Kleinhirninfarkt fehlt die
Steuerung und die Korrektur der Stützmotorik bei unterschiedlichen Körperhaltungen
und Bewegungsabläufen. Historisch sind viele Behandlungsansätze aus dem
Bobath-Konzept entwickelt worden. Häufig zeigt sich eine Behandlung im
Wasser (Therapie nach McMillan) hilfreich. Besonders wichtig sind Möglichkeiten
der frühzeitigen Gangrehabilitation im Gangtrainer (später auch
Laufbandtherapie), wobei unter Abnahme des Körpergewichtes die ständige
automatisierte Wiederholung des Gangzyklus auch zu einer Besserung der
Muskelschwäche führt. Die physiotherapeutische Behandlung der Ataxie
kann ergänzt werden durch Übungen auf Balance-Master, ein computergestütztes
System zur Diagnostik und Behandlung von Gleichgewichtsstörungen.
Bei
vorhandenen Sehstörungen wie erschwerten Blickfolgebewegungen, Störungen
des optokinetischen Nystagmus, Verlangsamungen von Blicksakkaden etc. ist
zunächst eine qualifizierte Diagnostik in einem Sehlabor, das möglichst
in der Klinik vorhanden sein sollte erforderlich. Über die Therapiemöglichkeiten
entscheidet der individuelle Status; in Einzelfällen sind auch medikamentöse
Behandlungsmöglichkeiten gegeben.
Im
Bereich der Ergotherapie werden die durch den Kleinhirninfarkt
entstandenen Störungen in der Koordination von Bewegungsabläufen
behandelt. Gerade bei komplexen Bewegungen koordiniert das Kleinhirn den
zeitgerechten Ablauf unterschiedlicher Muskelinnervationen. Komplexe
Bewegungsabläufe wirken dyskoordiniert und gerade rasche Zielbewegungen
erfolgen dysmetrisch (Verfehlen des Ziels). Ergotherapeuten trainieren die
Zielbewegung und die Koordination von Bewegungsabläufen mit möglichst
alltagsrelevanten Aufgabenstellungen, um die Selbsthilfefähigkeiten des
Patienten möglichst frühzeitig zu verbessern.
Durch
die Ataxie (Störung der Bewegungsabläufe) beim Kleinhirninfarkt kommt es auch zu Beeinträchtigungen
der Atmung (ataktische Atmung) mit der Folge eines ungesteuerten
Luftstroms für das Sprechen. Zusammen mit der gestörten Beweglichkeiten
aller Artikulationsorgane, insbesondere der Zunge, kommt es zum Bild der
ataktischen Dysarthrophonie, also zu einer Auffälligkeit des Sprechens
und der Stimmgebung. Die logopädische Behandlung baut auf einer
Verbesserung der Atmung auf. Zungenbeweglichkeitsübungen und Stimmübungen
können schließlich zu einer immer besseren Verständlichkeit der Sprache
und größere Ausdauer beim Sprechen führen. Bei Störungen des
Schluckaktes, die immer auf eine Mitbeteiligung des Hirnstammes hinweisen,
werden entsprechend therapeutische Maßnahmen zur Dysphagie-Therapie
eingeleitet.
Dr.
med. Wolfgang Puschendorf
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