Posteriorinfarkt
Der
Posteriorinfarkt entsteht durch Durchblutungsstörungen der Arteria cerebri
posterior (hinteren Hirnarterie). Nach ihrem Verlauf an der Vorderseite des
Hirnstamms teilt sich die Arteria basilaris in die zwei hinteren Hirnarterien.
Die rechte und linke Arteria cerebri posterior verläuft als Pars circularis um
die jeweilige Hirnstammseite herum. Die kortikalen
Äste (Pars corticalis) versorgen Teile des Mittelhirn, des Thalamus, das
große Gebiet des Okzipitallappens, Bereiche des unteren und mittleren
Temporallappens sowie kleinere Anteile des Parietallappens. Über den beidseitig
angelegten Ramus communicans posterior wird eine Verbindung zum vorderen
Stromgebiet aus der Arteria carotis interna hergestellte.
Ein
Posteriorinfarkt entsteht meist durch eine Embolie, die entweder durch
Herzerkrankungen (Vorhofflimmern, Herzinfarkt, Herzklappenerkrankung) oder durch
abgelöste Thromben aus vorgeschalteten arteriosklerotisch veränderten
(verkalkten) Gefäßen verursacht wird. Seltener sind direkte Thrombosen in der
Arteria cerebri posterior.
Transitorisch
ischämische Attacken (flüchtige, z.T. Minuten dauernde Durchblutungsstörungen)
gehen oft mit Kopfschmerzen in der Stirnregion bzw. in der Schläfenregion
einher. Das Hauptsymptom sind kurzzeitige Sehstörungen im Sinne eines plötzlichen
Sehverlustes, visuellen Illusionen oder einer Hemianopsie (halbseitiger
Gesichtsfeldausfall). Gelegentlich können auch Sensibilitätsstörungen (Parästhesien)
im Bereich des Gesichtes oder der Hand, seltener in Arm und Bein auftreten.
Trotz ihrer Flüchtigkeit sind solche klinischen Zeichen immer als Warnsymptome
aufzufassen, so dass umgehend eine gründliche stationäre Behandlung und
umfassende Diagnostik erfolgen muß. Der Posteriorinfarkt kündigt sich häufig mit gleichseitigen pulsierenden Kopfschmerzen an, die sich nur schwer von der Migräne abgrenzen lassen. Nicht immer werden Störungen des Sehens sofort bemerkt, teilweise werden Sehstörungen auch geleugnet. Erst durch das Anstoßen an Hindernissen wird auf Nachfragen berichtet, dass das Sehen in einem Halbfeld beeinträchtigt ist. Teilweise berichten Patienten, dass sie in dem betroffenen Bereich nur grau sehen können, andere berichten über verwaschene, blasse Farben im betroffenen Halbfeld, teilweise können bewegte Objekte nicht wahrgenommen werden. Klassischerweise kommt es zum Ausfall der Sehwahrnehmung in einem kompletten Halbfeld. Bei Posteriorinfarkt rechts demnach zu einer kompletten Hemianopsie (Halbseitenblindheit) links.
Teilweise
treten Gesichtsfeldausfälle auch nur in einzelnen Quadranten des Gesichtsfeldes
auf, bevorzugt sind die oberen Quadranten von einem Posteriorinfarkt betroffen.
Neben den Sehstörungen sind beim Posteriorinfarkt in 30-50 % der Fälle auch
sensible Störungen feststellbar, in seltenen Fällen auch zumeist weniger stark
ausgeprägte Lähmungserscheinungen, die bis zur Halbseitenlähmung reichen können.
Diese sensomotorischen Störungen weisen auf Beteiligung des Mittelhirns, des
Thalamus und der inneren Kapsel hin. Beim Posteriorinfarkt können auch
neuropsychologische Symptome auftreten wie Bewußtseinsstörungen,
Gedächtnisstörungen,
auch Aphasien (Sprachstörungen), Alexie
(Lesestörung).
Trotz
der in Einzelfällen wenig ausgeprägten Symptomatik sollte auch der
Posteriorinfarkt als Notfall angesehen werden, um rasch die zugrunde liegende Störung
genauer zu diagnostizieren und geeignete Therapiemaßnahmen einzuleiten. Zumeist
kann durch die cerebrale Computertomographie, in anderen Fällen durch die
Kernspintomographie (MRT = Magnetresonanztomographie) der Posteriorinfarkt in
seiner Ausdehnung diagnostiziert werden. Durch Dopplersonographie und Duplex,
weitergehend durch die MR-Angiographie können Gefäßveränderungen wie
Stenosen (Verengungen), arteriosklerotische Plaquesbildung (Gefäßverkalkung), Dissekate
(Einrisse der Gefäßwand),
anlagebedingte Hypoblasien der Arteria vertebralis etc. entdeckt werden. Die
Echokardiographie und das Langzeit-EKG können Rhythmusstörungen des Herzens
und kardiale Emboliequellen aufdecken. Darüber hinaus sind Laboruntersuchungen
erforderlich, um Hinweise auf entzündliche Gefäßerkrankungen oder
Gerinnungsstörungen zu erhalten. Posteriorinfarkt: FrührehabilitationBei einem ausgedehnten
Posteriorinfarkt ist mit sensiblen Störungen
und auch motorischen Ausfällen bis hin zu einer Hemiparese (Lähmung einer
Körperhälfte) zu rechnen. Physiotherapeuten und Ergotherapeuten fördern in
unterschiedlichen Ausgangsstellungen die passive, möglichst aber auch die
aktive Beweglichkeit der gelähmten Extremitäten. Alle gegebenen aktiven
Bewegungsrichtungen werden durch wiederholte Trainingsreize intensiv stimuliert
und bei Rückbildung der Lähmungserscheinungen zunehmend in Alltagsabläufe
integriert. Die Prognose der Rehabilitation von sensomotorischen Störungen ist
beim Posteriorinfarkt sehr gut, mit einer weitgehenden Selbständigkeit im
Alltag kann gerechnet werden.
Schwerpunkt
der Schädigung beim Posteriorinfarkt stellen die Sehstörungen dar. Zumeist
werden erst in der Rehabilitationsklinik Art und Umfang der Sehstörungen in
einem speziell ausgestatteten Sehlabor untersucht. Da häufig weitergehende
neuropsychologische Störungen bestehen, ist eine Untersuchung in einer augenärztlichen
Praxis mit dort gegebenen Computerperimetrien nicht ausreichend, da die an den
Patienten gerichteten Anforderungen für diese Untersuchungen bei
Posteriorinfarkt zu hoch sind. Erfahrene Neuropsychologen oder Otoptisten können
unter Beachtung der Belastbarkeit des Patienten genau die Gesichtsfeldgrenzen
bestimmen und auch Aussagen in Hinblick auf unterschiedliche vorliegende Störungen
machen. Mit Dyschromatopsie wird das Phänomen beschrieben, dass Patienten mit
Posteriorinfarkt Farben als ausgewaschen, blass oder auch lediglich als grau
wahrnehmen können. Die Farbagnosie bezeichnet eine Störung der Farbbenennung.
Bei der visuellen Agnosie können Objekte beim Sehen nicht als solche benannt
werden, jedoch schließlich durch Berührung oder durch zusätzliche akustische
Information (klingeln, pfeifen etc.) als solche erkannt und benannt werden. Bei
Posteriorinfarkt der dominanten (zumeist linken Hemisphäre) können Lesestörungen
im Sinne der Alexie auftreten. Damit ist das Unvermögen bezeichnet, Wörter,
aber auch Buchstaben, Zahlen oder auch mathematische Symbole zu erkennen. Häufig
treten Lesestörungen auch in der Form auf, dass bei Posteriorinfarkt links und
demnach Hemianopsie rechts das jeweilige Wortende nicht gelesen werden kann.
Umgekehrt kommt es beim Posteriorinfarkt re. gelegentlich zu Schwierigkeiten, in
Folge der Hemianopsie links die Wortanfänge zu lesen.
Gesichtsfelddefekte
können durch unterschiedliche Trainingsverfahren behandelt werden. Im Rahmen
der Rückbildung von Gesichtsfelddefekten kann es zu vielfältigen Phänomenen
wie visuellen Verzerrungen,
Nachbildern und visuellen Illusionen kommen. Die Ergebnisse der Therapie hängen
sehr vom Schädigungsausmaß im Einzelfall ab. In vielen Fällen bleibt die Möglichkeit,
sich auf die Beeinträchtigung in besonderer Weise einzustellen.
Da
viele Patienten mit Posteriorinfarkt noch im Erwerbsleben stehen oder
Verkehrsteilnehmer sind, sind Hemianopsien oder Quadrantenanopsien für die
Lebensführung sehr wichtig. Beim Autofahren kann je nach Art der Schädigung
z.B. der Rückspiegel nicht mehr beachtet werden und damit eine Verkehrsgefährdung
entstehen. Arbeitsplätze mit besonderer visueller Belastung wie PC-Arbeitsplätze
oder Arbeiten auf Gerüsten etc. sind nicht mehr möglich. In der
Rehabilitationsklinik findet für diese Patienten eine Beratung hinsichtlich
beruflicher Alternativen statt. Bei unklarer Auswirkung der Gesichtsfeldstörung
auf das Autofahren wird eine Fahrerprobung mit neuropsychologischer Begleitung
durchgeführt, um die Auswirkungen auf den Alltag zu überprüfen.
Dr.
med. Wolfgang Puschendorf
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